Great Gathering 2025 - Macht, Mafia und Mord

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In einem viertägigen JKK-Rollenspielwochenende kämpften 30 Erwachsene in einer französischen Villa um Weltmacht, Erbe und ihr Leben. Man kann sich das Great Gathering wie ein Krimi-Dinner vorstellen, nur viel länger und ohne geplantes Ende. Was an diesem Wochenende vor sich ging, können Sie in diesem Bericht lesen
Flavia Ernst,
Es war ein nebliger, grauer Morgen, als ein vollgepackter Anhänger von Gächlingen in Richtung Frankreich startete. Hätte man unter die Abdeckung des Anhängers geschaut, so wäre man ins Wundern gekommen. Allerlei Schauderliches befand sich im Gepäck der mysteriösen Reisegruppe: Kunstblut, Mordpläne, Plastikpistolen, rote Rosen und schwarze Anzüge tuckerten zu italienischer Musik nach Westen. Tönt nach Mafia? Ist auch Mafia!

Im Rahmen des von der JKK organisierten Rollenspielwochenendes «Great Gathering» wurden an die 30 erwachsene Teilnehmer eingeladen, in eine Rolle zu schlüpfen und als Vertreterinnen ihres jeweiligen Mafiaclans in Frankreich eine Mafia-Hochzeit zu besuchen.
Der italienische Dolorosa-Clan stand nämlich kurz vor der Auflösung, so war die Hochzeit der letzten Tochter des verschollenen Clanchefs mit einem Peaky Blinder (englische Mafia) für die internationalen Familien eine perfekte Möglichkeit, das letzte Erbe für sich zu gewinnen.

Von Donnerstagabend bis Sonntagmittag galt es, im Interesse der eigenen Rolle Pläne zu schmieden, mit anderen Mafia-Clans Verträge zu schliessen, Hindernisse zu beseitigen und Intrigen zu spinnen. Das Rahmenprogramm, ein Hochzeitswochenende, wurde vom Organisationsteam in der Rolle der italienischen Familie Dolorosa organisiert. Der Verlauf der Geschichte war aber nicht vorgegeben, alle Handlungen und Pläne entstammten der Kreativität der Teilnehmenden. Während der vier Tage fehlten auch die besinnlichen Zeiten nicht. Jeweils zweimal am Tag legten alle Schauspieler ihre Rollen ab und genossen gemeinsame Worshipzeiten, drei Inputs zum Thema «Scham» und den Austausch in Kleingruppen. An dieser Stelle nochmals ein grosses Dankeschön an die spontane Band für ihre Mithilfe!

Auch während des Wochenendes gab es immer wieder spannende Gespräche in der Metaebene – oft hörte man «wie geht es DIR, also nicht deiner Rolle?» Auch wenn es schwierig und auch ermüdend ist, eine Maske aufrecht zu erhalten, so war es schön zu beobachten, wie sich immer wieder Begegnungen im «echten Leben» ergaben.

«Mein Lieblingsmoment im Great Gathering war die Gemeinschaft, die abseits der Rollen bestand» - Teilnehmerin, Russische Mafia

Das Konzept des Great Gathering war für viele nicht neu, hatte die JKK ein derartiges Rollenspielwochenende vor drei Jahren schon einmal durchgeführt – mehr dazu in diesem Bericht.

Tag 1 – Ankunft in der Villa und ein erster Mord

Richten wir den Blick zurück auf das schwarze Auto, das mittlerweile die französische Grenze passiert hatte. Die vier Verdächtigen im Transportfahrzeug waren das Organisationsteam des Great Gathering. Der Hauptverantwortliche, Gaudenz Gfeller, sowie seine Mittäter Nemo Weber, Sebi Ebi und Flavia Ernst, hatten das Event in unzähligen Sitzungen geplant, Pläne geschmiedet und Requisiten organisiert. Als letzten Akt erhielten schliesslich alle Teilnehmenden einen persönlichen Brief mit einer sorgfältigen Rollenbeschreibung, Aufgabenstellung, sowie sonstigen geheimnisvollen Informationen. Und nun, nach knapp einem Jahr planen war der Anreisetag gekommen. Bei einem Zwischenhalt in einem sehr französischen, sehr riesigen Hypermarkt wurden zwei Einkaufswagen mit Nahrungsmitteln gefüllt und danach die letzte Reiseetappe in Angriff genommen.

Die charmante Villa «Creux du Cerf » in Bolandoz, das Reiseziel, hatte sich seit dem letzten Mal nicht gross verändert. Immer noch war das französische Herrenhaus sehr beeindruckend. Schliesslich hatte es 15 Schlafzimmer, 6 sorgfältig eingerichtete Salons, drei funktionstüchtige Küchen und viele Badezimmer inklusive Badewannen zu bieten. Sehr zur Zufriedenheit des Teams war auch der grosse Kamin noch gut imstand und wurde auch sofort in Betrieb genommen.

Nach weiteren Stunden des Einrichtens und Sich-in-Schale-werfen war man bereit für die Ankunft der Gäste. Die Teilnehmerfahrgruppen trudelten dann gegen zehn Uhr abends ein. Nach einigen Erklärungen bezüglich Hausregeln und Spielregeln genossen alle miteinander einen Wilkommensapéro und die Gemeinschaft ums Feuer. Nur einen Todesfall hatte die Gruppe zu beklagen, ein Familienmitglied der italienischen Mafia wurde nämlich vor versammelter Runde vom Organisationsteam ermordet – er sei ein Verräter gewesen. Bewundernswert war, wie gut sich alle auf ihre Rolle vorbereitet hatten. Wer denkt, nach einer vierstündigen Autofahrt seien alle Energiereserven aufgebraucht, hat falsch gedacht. Schon am ersten Abend lernten sich die Familien in ihren jeweiligen Kostümen kennen – da gab es die harten Kerle der mexikanischen Mafia, die volltätowierten japanischen Yakuza, die felltragenden russische Bratwas und die englischen Peaky Blinders mit ihren unverkennbaren Schirmmützen. Was an diesem ersten Abend alles so diskutiert wurde, bleibt natürlich geheim.

Tag 2 – Kampf ums Erbe und ein JungesellInnenabschied

Am darauffolgenden Morgen erhielten die einzelnen Familien ihre eigene Stube und die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Was sind die gemeinsamen Ziele, und Stärken, wie sind die Ressourcen im Weltmarkt verteilt? Um an das Erbe der italienischen Mafia zu kommen, muss Handel mit anderen Familien getrieben werden, doch gewisse Geschäftsbeziehungen sind von familiengeschichtlichen Konflikten überschattet. Am Nachmittag traten die Familien in einem Geländespiel gegeneinander an, am Abend gab es einen Kochwettbewerb. Die Siegespunkte flossen in die Erbverteilung ein. Auch zeigte sich im Verlauf des zweiten Tages – natürlich nur auf der Schauspielebene – die patriarchische Seite der weltweiten Mafia. Die acht anwesenden Mafia-Frauen wehrten sich darauf und beschlossen kurzerhand den Frauentisch mit eigenen Regeln einzuführen. Sehr zum Leid der Männer, die nun jeweils am Frauentisch um Salatsaucen und Gewürze bitten mussten. Zwei Tage später sollte sich dann herausstellen, dass alles ein abgekartetes Spiel war: Alle Frauen waren gemeinsam in einem Geheimbund, der «Nox Matriae». Sie trafen sich jeweils um 23:00 an einem geheimen Ort und planten den Kampf gegen die männlich dominierte Mafiakultur und die Einführung des Matriarchats.

«Mein Lieblingsmoment im Great Gathering war das Planen und die Vorfreude, eines unserer Ziele umzusetzen – das Männer ermorden» - Chefin der Nox Matriae

Zurück zur Geschichte. Zum feierlichen Abschluss des zweiten Tages wurde ein JunggesellInnen-Abend durchgeführt, der englische Bräutigam war nämlich endlich eingetroffen. Deswegen hatte das zukünftige Ehepaar fast keine Zeit, sich kennenzulernen, Mafia-Hochzeiten sind ja meistens sehr politisch arrangiert.

Sehr zur Verwunderung des Organisationsteams war der zweite Tag des Great Gathering friedlich und ohne grössere Zwischenfälle verlaufen. Bis auf den ersten Mord natürlich, ausgeübt an einem Juarez Clan-Mitglied. Der Täter, Chef des Yakuza Clans, wurde entdeckt, bleibt jedoch aus unerklärlichen Gründen bis heute auf freiem Fuss.

Tag 3 – Morden muss geregelt sein!

Am dritten Tag hatten sich alle voll in ihrer Rolle eingelebt. Ein Teilnehmer, der sich später als Mitglied der Geheimpolizei entpuppte, erzählt: «Ich war so in der Geschichte versunken, ich konnte gar nicht richtig schlafen! Bei jedem Geräusch schreckte ich auf und dachte, ich könnte weitere Beweise sammeln!»

Mittlerweile hatte sich auch herausgestellt, was mit den Mordopfern nach deren Tod passierte: Sie «wiederauferstanden» und wurden Teil des Vatikans, einer neuen Familie, die den Auftrag hatte, sämtliche Feierlichkeiten zu planen und zu umsetzen. Feierlichkeiten waren für den Samstag einige angedacht. Es sollte schliesslich eine Hochzeit gefeiert werden! Die Vorbereitungen für das Fest, ob in der Küche, in den Familienräumen oder im Gemeinschaftssaal gestalteten sich jedoch als herausfordernd. Denn nicht weniger als zehn Personen wurden im Verlaufe des Tages ermordet! Die Kunstblutvorräte leerten sich langsam und der Vatikan nahm in seiner Personenzahl rasant zu.

An diesem Tag mussten auch zwei von vier Mitgliedern des Organisationsteams ihr Leben lassen, was für die Familie Dolorosa ein schwerer Verlust war – schliesslich waren jetzt nur noch die zu Verheiratende und ihr Bruder übrig. Man fragte sich so langsam, was der Sinn hinter dem ständigen Blutvergiessen sein konnte. Doch hatten doch alle Familien und Geheimbünde ihre Ziele, die es zu erreichen galt – ohne Rücksicht auf Hindernisse. In der Erbverteilung hatte es auch Veränderungen gegeben, Ländereien, Geschäftsmonopole und Material wurde getauscht und gehandelt, die Familien kämpften um Rohstoffe und Macht und betrieben fleissig Geldwäscherei. Der wirtschaftliche Aspekt der Mafia war gar nicht so einfach zu überblicken. So widmeten sich diejenigen, die etwas von Handel verstanden, dem Geschäft, während andere sich auf die einfacheren – blutigeren – Geschäfte konzentrierten.

Wie das Morden funktionierte? Der Täter musste bei der Spielleitung den Ort, Zeitpunkt, Mordwaffe und natürlich das Opfer anmelden. Dann wurden die Sekunden gewürfelt, wie lange das Opfer nach Tod schreien durfte. Auf die Schreie der Opfer folgte dann meistens der Ruf «Moooord!», und die anwesenden Mafiosis versammelten sich um den Tatort. Der Vatikan transportierte die Toten weg und nahmen sie zu sich in die Stube, wo sie zwei Stunden warten mussten. Drei Mordopfer mussten etwas länger warten, bis sie gefunden wurden. In einem heimtückischen Dreifach-Mord hatte sich der Frauengeheimbund gleich drei männlicher Schlüsselpersonen entledigt. Die Opfer hatten insgesamt drei Minuten Schrei-Zeit erhalten, was aber nichts nützte, da sie draussen ermordet wurden und die Frauen drinnen die Lautsprecher voll aufgedreht hatten.

Gegen Mittag wurde dann ein Versuch gestartet, die italienische Braut und den englischen Bräutigam zu vermählen. Es gab eine leichte Verzögerung, da während der Hochzeit ein weiterer Mord verübt worden war. Schlussendlich wurde der Akt aber feierlich vollzogen und die Festivitäten konnten beginnen. So hatte sich das zumindest das Organisationsteam gedacht.

Als dann die einzige Frau der Peaky Blinders, zugleich die Chefin vom Frauengeheimbund, hinterrücks ermordet wurde, beschloss das Brautpaar, alle Feierlichkeiten abzubrechen. So wurde aus dem geplanten Hochzeitsfest ein dunkler und trauriger Abend. Besonders berührend war die Rede des Chefs der Peaky Blinders. Er plädierte für Frieden und rief die Anwesenden auf, sich nicht gegenseitig zu vernichten. Denn er vermutete unter den Teilnehmenden eine externe Macht, deren Ziel es sei, die Mafiafamilien gegeneinander aufzuhetzen. Die Familienchefs hatten jedoch ihre eigenen Pläne. In einer langen und intensiven Oberhäupterbesprechung wurde der Beschluss gefasst, dass alle Clans die vermuteten Verräter in den eigenen Reihen zu eliminieren hatten. Anstelle von einem Hochzeitstanz gab es also einen erneuten Dreifachmord, der vierte Verräter war zu seinem Glück nämlich bereits am Schlafen. Für viele Hochzeitsgäste war der Samstag deshalb ein Anlass, die gedrückte Stimmung zu nutzen und entweder eine Mütze Schlaf zu gewinnen, oder sich an einer Spielerunde gemütlich zu tun.

Tag 4 – das letzte Gericht

So brach schlussendlich der letzte Tag an. Nach dem Frühstück und dem gemeinsamen Gottesdienst stand die langersehnte Gerichtsversammlung auf der Tagesordnung. Hier sollten nun die Intrigen und geheimen Machenschaften aufgedeckt, die Mordfälle aufgeklärt und die verdeckten Geschäftsbeziehungen ans Licht gebracht werden. Im zum Gerichtssaal umfunktionierten Esszimmer herrschte gespannte Stimmung, als die Familie Dolorosa in ihrer Funktion als Gericht zum letzten Mal auftraten und um Ruhe baten. In einer sehr aufschlussreichen Stunde kamen alle möglichen Täter, Zeugen und Opfer zu Wort, immer wieder hörte man ein erstauntes «Was, DU warst das? – Ich habe es doch geahnt!». Überraschend war für einige, dass doch nicht alle Verwandten so vertrauenswürdig waren, wie sie es vorgaben. Tatsächlich gab es einen Geheimbund, das «Syndikat», das das Ziel erhalten hatte, die Mafiawelt ins Chaos zu stürzen und möglichst viele Familien zu zerstören. Das «Atelier Thanatos», ein weiterer Geheimbund, verstand sich auf das kreative und kunstvolle Ermorden, während die etwas harmloseren «Kleptomanen» dem Gelegenheitsdiebstahl verfallen waren. Vom Frauengeheimbund «Nox Matriae» wussten nun auch alle. Überraschend war, dass der Bräutigam ursprünglich der Geheimpolizei angehört hatte, aus Loyalität zu seiner Familie jedoch seine geheime Rolle abgelegt hatte.

Als schlussendlich alle Morde aufgeklärt waren, alle Geheimbünde offenbar und die Intrigen zu Allgemeinwissen wurden, blieb nichts anderes übrig, als beim gemeinsamen letzten Mittagessen das Wochenende ausklingen zu lassen. Trotz wenig Schlaf und sehr viel Aufregung gestaltete sich das anschliessende gemeinsame Aufräumen der nicht ganz kleinen Villa als speditiv – Dank der fleissigen Mithilfe aller Teilnehmenden! So konnten die unterschiedlichen Fahrgruppen am Nachmittag ihre Heimreise antreten und die letzten Erinnerungen austauschen.

Schlussworte

Das Great Gathering war auch dieses Jahr ein Erfolg. Es war eine Zeit, in der alle herausgefordert wurden, über Recht und Ungerechtigkeit, Ehrlichkeit und Lügen, Moral und Skrupellosigkeit, Demut und Macht und noch viel mehr Themen nachzudenken. Leider sind viele der gespielten Themen und Machenschaften auch heute noch Realität. Viele Menschen leiden unter Gewalt und Ungerechtigkeit, unterdrückenden Regierungen und in grosser Angst um ihr Leben. Auch wenn das Morden und Lügen für ein Wochenende im sicheren Rahmen Spass macht, ist es umso wichtiger, sich persönlich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und seine eigene Position in der Gesellschaft zu betrachten.

In diesem Sinne bedankt sich das Organisationsteam für das ereignisreiche Wochenende, den fleissigen Helfern im Haus und die gute Gemeinschaft!
Great Gathering 25
23.11.2025
11 Bilder
Fotograf/-in
G.Gfeller